
»Wenn das Wasser bis zum Hals steht, repariert man nicht das Segel. Man stopft das Leck.«
Wir starten mit einem sehr ernsten Thema. Warum? Hätten wir damals fast übersehen ... Dann wäre unsere Geschichte beinahe ganz anders ausgegangen. Das wollen wir euch ersparen.
Die schlechte Nachricht: Angehörige unterschätzen dieses Risiko fast immer. Und verfallen sofort in Panik, wenn es ernst wird.
Die gute Nachricht: Es gibt zu viele Mythen, die Angehörige verunsichern und dich daran hindern, richtig zu helfen. In dieser Stufe geben wir dir dafür Klarheit & Handlungssicherheit.
Du musst hier anfangen - es gibt keine Ausnahme!
Wir wünschen niemandem diese Erfahrung (z. B. ein Suizidversuch eines betroffenen Familienmitglieds).
Aber wenn es doch passiert, kannst du dir das als Angehörige*r womöglich nie verzeihen.
Was tun?
Handle mit einem konkreten und gut vorbereiteten Plan.
So kannst du dich innerlich ein bisschen entlasten und im Falle des Falles einen kühlen Kopf bewahren!
Was du in Stufe 1 erreichst
Status Quo: Ihr steckt in einer akuten Krise (Chaos)
Rolle & Fokus: Krisenmanager*in: Physische Sicherheit & Ordnung im Chaos
Ziel der Stufe: Suizidgefahr früh entdecken, sicher damit umgehen. Worst-Case-Szenarien erkennen.
Akute Suizidgefahr wird unterschätzt oder verschwiegen. Du weißt nicht, ob die Gefahr real ist.
Ihr fangt an, darüber zu sprechen. Es wir vom Tabu zur Routine.
Du hast rechtlich keine Handhabe bei Ärzten / Kliniken oder Therapeuten.
Unterschriebene Schweigepflicht- Entbindung & andere notwendige Dokumente.
Du handelst aus Panik statt nach einem Plan. Du kannst nicht zwischen »einem schlechten Tag« und Rückfallgefahr unterscheiden.
System: Ihr habt euren Krisenplan (Rote Linien) einmalig festgelegt und greift darauf im Ernstfall zurück.
Video: Wie kann ich das Leck stopfen?
- Soll ich aktiv nach Suizidgedanken fragen?
- Was mache ich wenn er/sie es mir ankündigt?
- Was sind ernste Warnsignale?
- Wie kann ich Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen?
- Was soll ich im Notfall tun?
»Suizidgedanken sind ein Symptom der Erkrankung.«
Suizidgedanken sind ein Symptom der Erkrankung. Sie bedeuten nicht automatisch eine sofortige Tat. Sie sollten aber auf jeden Fall von dir sehr ernst genommen werden. Auch wenn du Versprechungen wie »würde ich nie machen« von der betroffenen Person bekommst.
Was zu tun ist, entscheiden Profis. Deine Aufgabe besteht darin, einen sicheren Rahmen zu schaffen und schnell professionelle Hilfe hinzuzuziehen.
Sprich es aktiv an!
Hab keine Angst, das Thema direkt zu benennen. Du bringst niemanden durch Fragen im vertrauten Umfeld auf die Idee, sich etwas anzutun. Betroffene schämen sich viel zu oft für diese Gedanken oder wollen dich nicht belasten. Das direkte Gespräch wirkt aber meist sehr befreiend.
Real Talk
Xiaoxi konnte damals auch nach 13 Jahren Ehe bei Thomas...
❌ nicht einschätzen, wie »akut« es wirklich ist
❌ nicht unterscheiden zwischen Gedanke vs. Plan
❌ nicht entscheiden, ob eine Einweisung in die Psychiatrie nötig ist
Übung: Dein Notfallguide
Du lernst, wie du einfühlsam, aber bestimmt mit der betroffenen Person über mögliche Suizidgedanken sprechen kannst.
Real Talk
Ein für uns prägendes Beispiel war die Situation in der Münchner U-Bahn: Auf dem Weg zur Psychiatrie flehte Thomas Xiaoxi an, seine Suizidgedanken vor der Ärztin zu verschweigen. Vielleicht kennst du die Stelle aus dem Buch.
Er selbst fand nicht den Mut, sie offen anzusprechen – obwohl er tief im Inneren spürte, dass es lebensgefährlich wäre, auch nur einen weiteren Tag zu Hause zu bleiben. Xiaoxi gab ihm dieses Versprechen nicht. Stattdessen handelte sie richtig und gab der Ärztin den entscheidenden Hinweis, als er stumm blieb.
Check-In #1
Supi! Spürst du die Erleichterung? Es ist toll, dass ihr angefangen habt, über Suizidgedanken zu sprechen. Dadurch verliert das Thema seine Schwere. Mit dem Notfallguide habt ihr jetzt sozusagen einen Airbag für den Ernstfall!

Was ihr jetzt besprechen solltet – bevor es kritisch wird
Bereite dich jetzt vor, solange die betroffene Person noch gesprächsbereit ist. Das verhindert Panik und rechtliche Probleme im Notfall.
Gemeinsam planen: Gehe die Liste in einer stabilen Phase mit dem/der Betroffenen durch.
Befugnisse klären: Darfst du mit Ärzt:innen oder Therapeut:innen sprechen? (Schweigepflichtsentbindung!)
Unterlagen: Kenne den Verbleib wichtiger Dokumente (Patientenverfügung, Notfallkontakte).
Dringlichkeit: Die Liste ist grob nach dem Schweregrad der Depression sortiert (L- Leicht, M- Mittel, S- Schwer).
Wichtige Regeln
Kein Zwang: Die Liste ist ein Angebot, kein Befehl. Respektiere Grenzen, wenn die betroffene Person das nicht will.
Ausnahme Lebensgefahr: Bei Suizidgefahr sofort handeln – auch gegen den Willen der Person.
Vorsorge statt Panik: Vorbereitung schützt dich vor Ohnmachtsgefühlen in der Krise.
Deine ToDo-Liste
Übung: ToDo Liste
Bereite dich jetzt vor, solange die betroffene Person noch gesprächsbereit ist. Dinge die ihr in dieser Übung klären werdet:
- Schweigepflichtentbindung
- Vorsorgevollmacht
- Patientenverfügung
Check-In #2
Yippie! Jetzt hast du alle Dokumente beisammen und kennst deine rechtlichen Möglichkeiten. Damit hast du die größten Hindernisse aus dem Weg geräumt.

Video: Wie kann ich früh intervenieren?
- Wie weiß ich, wann es ernst wird?
- Wie kann ich gelassener mit dem Gedanken „Kommt es wieder?” umgehen?
- Was ist der Unterschied zwischen einem schlechten Tag und echten Frühwarnzeichen?
- Warum sind diese Signale so leicht zu übersehen?
Übung: Euer Krisenplan
Ein Krisenplan ist euer wichtigstes Sicherheitsnetz. Er sollte in erster Linie von Betroffenen und Therapeut:innen gemeinsam erstellt werden.
Falls ihr noch keinen solchen Plan habt, könnt ihr ihn auch gemeinsam erarbeiten. In beiden Fällen solltest du als Angehörige:r Zugriff haben und den Inhalt kennen.
Real Talk mit Lea (Psychotherapeutin)
Viele Angehörige suchen nach den richtigen Worten. Sie fragen sich, was sie sagen können, wie sie helfen sollen oder wie sie ihren erkrankten Menschen am besten unterstützen können.
Nach meiner Erfahrung macht langfristig jedoch oft etwas anderes den größten Unterschied: verlässlich da zu sein.
Menschen mit einer psychischen Erkrankung brauchen nicht immer Lösungen, Ratschläge oder perfekte Antworten. Häufig hilft es mehr, wenn jemand zuhört, Interesse zeigt und auch in schwierigen Phasen nicht aufgibt.
Deshalb sage ich Angehörigen oft: Sie müssen nicht immer stark sein. Sie müssen nicht immer die richtigen Worte finden. Oft reicht es, präsent zu bleiben und dem anderen das Gefühl zu geben, mit seiner Erkrankung nicht allein zu sein.
Das wirkt manchmal unspektakulär. Ist aber oft wertvoller als jede perfekte Strategie.
Check-In #3
Toll gemacht! Mit dem Krisenplan habt ihr gemeinsam die roten Linien definiert. Jetzt erkennst du den Unterschied zwischen schlechten Tagen und ernsthaften Anzeichen. Du handelst nun nach einem Plan und nicht mehr aus Panik. Das ist doch toll!

Abschluss der Stufe 1
Markiere alle Elemente, die du erledigt hast
- Ihr habt angefangen über das Tabu „Suizidgedanken" zu sprechen. Vielleicht habt ihr einen Routine-Check etabliert.
- Du hast alle wichtigen Notfallnummern und Kontaktdaten auf deinem Handy gespeichert.
- Der Krisenplan ist ausgearbeitet oder bereits vorhanden. Du hast Zugriff darauf, sofern der/die Betroffene dies zulässt.
- Du kennst das „Rote-Linien-Protokoll" aus dem Krisenplan. Bei Auffälligkeiten kannst du schnell und gut vorbereitet reagieren.
- Die Schweigenpflichtentbindung wurde unterzeichnet, sofern der/die Betroffene dies zulässt.
